Sicherheit in Bewegung – was bleibt, wenn sich etwas verändert.

Veränderung ist Teil jeder Entwicklung. Sie bringt Bewegung – in Abläufe, Beziehungen, Strukturen. Doch wo Bewegung ist, braucht es auch etwas, das Halt gibt. Etwas, das Orientierung schafft.
Gerade für kleine Kinder ist Sicherheit kein „Zustand“, sondern eine Erfahrung: Sie muss spürbar, erfahrbar, erlebbar sein. Im Alltag mit Kindern erleben wir täglich, wie eng Entwicklung mit Sicherheit verknüpft ist. Nur wenn Kinder sich sicher fühlen, können sie neugierig sein, Beziehungen eingehen, Selbstwirksamkeit erleben und lernen. Sicherheit ermöglicht Entwicklung – emotional, sozial und kognitiv.

Was Kindern Sicherheit gibt
Ein sicherer Ort ist weit mehr als ein geschützter Raum. Er ist geprägt von Beziehung, Haltung und klaren, verlässlichen Strukturen. Ein Ort, an dem Kinder erleben: „Ich werde gesehen. Ich bin wichtig. Ich bin sicher.”

Wir haben uns gefragt, welchen Rat uns die kleinen Kinder geben würden – wenn sie könnten: Was brauchen sie, um sich sicher zu fühlen und sich gut entwickeln zu können?

Ich brauche einen vertrauten Gegenstand, den ich spüren und riechen kann. Das beruhigt mich und gibt mir Sicherheit.

  • Zum Glück kann ich mich in den ersten Lebensmonaten voll und ganz an Mutter und Vater orientieren.
  • Meine täglichen Erfahrungen graben sich tief in mein Gehirn ein.
  • Ein geregelter Tagesablauf gibt mir Sicherheit.
  • Wenn ihr mich in alltägliche Handlungen einbezieht, kann ich mit der Zeit mitmachen – und habe Spass daran.
  • Ich lege Wert auf einen meiner Entwicklung angepassten, verbindlichen Rahmen, in dem ich mich orientieren und frei bewegen kann.
  • Ich beginne „Nein“ und „Ich“ zu sagen. Gebt mir Halt – und lasst mir Zeit, meine  Eigenständigkeit zu entwickeln.
  • Ich spüre, wenn ihr ehrlich seid. Dann fühle ich mich sicher.
  • Wenn ich weiss, was als Nächstes kommt, kann ich mich entspannen – auch wenn ich
    noch klein bin.
  • Ich brauche Menschen, die mich verstehen wollen, auch wenn ich es noch nicht sagen kann.
  • Wenn ihr mir zuhört, fühlt sich mein „Ich“ gesehen. Das macht mich stark.
  • Auch wenn sich etwas verändert, kann ich mich an euch halten – ihr gebt mir Orientierung.

Sicherheit entsteht durch Beziehung und Haltung
Sicherheit ist nichts, das man einfach „herstellt“ – sie wächst im Miteinander, Tag für Tag.
In der Art, wie wir Kinder gegenübertreten. Wie wir mit Übergängen und Veränderungen umgehen. Ob wir Vorhersehbares bieten oder Unklarheit schaffen. Ob wir Erwachsene sind, die Halt geben, zuhören, feinfühlig begleiten – oder überfordern, übersehen, überstimmen. Sicherheit braucht Beziehung. Sie braucht Erwachsene, die sich einfühlen, die präsent sind, die ehrlich kommunizieren und bereit sind, sich auch selbst zu reflektieren. Sie braucht Räume, die Orientierung geben – und gleichzeitig genug Freiheit, um Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Gesehen werden- auch als Eltern
Für viele Familien ist der Aufenthalt im KiEl Bethanien ein bedeutender Schritt, oft verbunden mit Unsicherheit, Fragen und der Sorge, beurteilt zu werden. Denn natürlich ist es Teil unserer Aufgabe, Entwicklungen zu beobachten und gemeinsam mit den Eltern einzuschätzen, was Kinder und Eltern gerade brauchen. Das kann Druck auslösen.

Manche Eltern bringen selbst Erfahrungen mit, in denen Sicherheit kein selbstverständlicher Wert war. Manche mussten früh stark sein, Verantwortung übernehmen oder ihre Gefühle zurückstellen. Wenn sie ihre eigenen Kinder begleiten, stossen sie oft auf Fragen oder Unsicherheiten, für die es keine inneren Vorbilder gibt. Gerade deshalb ist uns wichtig, dass Eltern sich bei uns gesehen und verstanden fühlen. Mit einer transparenten Haltung möchten wir den Eltern Orientierung geben, keine Überraschungen schaffen. Sicherheit für Kinder beginnt dort, wo auch Eltern sich verstanden und eingebunden fühlen.

Was bleibt – auch wenn sich etwas verändert
Kinder entwickeln sich. Beziehungen verändern sich. Teams wachsen. Strukturen wandeln sich. Das alles ist normal – und wichtig. Entscheidend ist, was dabei konstant bleibt:

  • Eine verlässliche, reflektierte Haltung
  • Klarheit in der Kommunikation
  • Ein Rahmen, der Orientierung bietet
  • Beziehungen, die Sicherheit geben

Denn gerade in der frühen Kindheit ist Sicherheit kein Luxus – sie ist das Fundament. Für Entwicklung. Für Mut. Für Bindung. Und sie entsteht dort, wo Menschen gesehen und ernst genommen werden – Tag für Tag.

Wenn die eigenen Gefühle mitschwingen – Übertragung und Gegenübertragung in der Traumapädagogik

In der Traumapädagogik stehen nicht nur die Klient:innen im Fokus – auch die Fachkräfte spielen eine entscheidende Rolle. Doch was passiert, wenn unbewusste emotionale Prozesse die Arbeit mitbestimmen? Übertragung und Gegenübertragung sind allgegenwärtig – sie können herausfordernd sein, aber auch wertvolle Einblicke ermöglichen. Wer diese Mechanismen versteht, kann nicht nur professioneller handeln, sondern auch die eigene emotionale Gesundheit schützen. In diesem Beitrag zeigen wir, warum es sich lohnt, einen genaueren Blick auf diese Dynamiken zu werfen – und wie ein bewusster Umgang damit den Arbeitsalltag in der Traumapädagogik erleichtert.

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen fordert uns heraus, schenkt aber auch tiefe Erkenntnisse und wertvolle Momente. Fachkräfte begegnen dabei immer wieder belastenden Situationen und sind mit den schwierigen Erfahrungen ihrer Klient:innen konfrontiert – in unserem Fall von Kindern und Eltern.

Diese intensive Arbeit kann nicht nur für die betroffenen Familien, sondern auch für die Fachkräfte selbst emotional fordernd sein. Um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben, ist ein bewusster Umgang mit den eigenen Emotionen unerlässlich. Ein fundiertes Verständnis von Übertragung und Gegenübertragung spielt dabei eine entscheidende Rolle – es hilft Fachkräften, sich selbst zu schützen und professionell auf die Bedürfnisse ihrer Klient:innen zu reagieren.

Übertragung und Gegenübertragung in der Traumapädagogik
In der Traumapädagogik ist die Beziehung zwischen Fachkräften und Klient:innen von zentraler Bedeutung. Ein entscheidender Aspekt dieser Beziehung ist das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung. Diese unbewussten Mechanismen beeinflussen nicht nur die Qualität der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen, sondern auch die Gesundheit und das Wohlbefinden der Fachkräfte.

Was ist Übertragung?
Übertragung beschreibt den Prozess, bei dem Klient:innen unbewusste Emotionen, Erwartungen und Erfahrungen aus früheren Beziehungen auf Fachkräfte projizieren. Diese Übertragungen können sowohl positive als auch negative Gefühle umfassen – etwa Liebe, Angst oder Misstrauen. Ein Beispiel: Eine Klientin, die in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit Autoritätspersonen gemacht hat, könnte gegenüber einer Fachkraft von vornherein Misstrauen empfinden.

Was ist Gegenübertragung?
Gegenübertragung bezieht sich auf die emotionalen Reaktionen der Fachkraft auf die Übertragung der Klient:innen. Diese Reaktionen können unbewusst sein und die Fachkraft in ihrer Arbeit beeinflussen. Wenn eine Fachkraft beispielsweise starke Empathie für die Schwierigkeiten der Eltern, des Kindes empfindet, kann dies ihre Fähigkeit beeinträchtigen, objektiv zu bleiben oder sich genügend abzugrenzen.

Übertragung und Gegenübertragung und deren Bedeutung für die Mitarbeiter:innengesundheit
Das Bewusstsein für Übertragung und Gegenübertragung ermöglicht es Fachkräften, emotionale Belastungen frühzeitig zu erkennen und präventiv gegen Burnout und Sekundärtraumatisierung vorzugehen. Wichtige Aspekte sind:

  • Selbstreflexion: ein bewusster Umgang stärkt das Verständnis für eigene emotionale Reaktionen und hilft, Herausforderungen besser zu bewältigen.
  • Resilienz: ein gesunder Umgang mit Emotionen erhöht die psychische Widerstandskraft und fördert eine schnellere Erholung von belastenden Situationen.
  • Gesunde Grenzen: ein Bewusstsein für eigene Emotionen schützt vor emotionaler Erschöpfung und unterstützt die professionelle Beziehung zu den Klient:innen.
  • Selbstfürsorge: ein tiefes Verständnis dieser Mechanismen ermöglicht es, sich emotional abzugrenzen, ohne die Empathie zu verlieren.

Im KiEl Bethanien setzen wir uns an unseren beiden Standorten in Zürich und St. Gallen dafür ein, die Konzepte der Übertragung und Gegenübertragung bewusst in unsere tägliche Arbeit einzubinden. So schaffen wir ein Umfeld, in dem sich nicht nur die Familien, die bei uns wohnen, gut aufgehoben fühlen, sondern auch unsere Fachkräfte gestärkt werden. Unser Ziel ist es, langfristig eine gesunde und unterstützende Arbeitsatmosphäre zu fördern, in der alle Beteiligten wirksam und mit Freude arbeiten können.

Warum es wichtig ist, wie wir mit Kindern reden

Sätze wie „Tu nicht so blöd“ oder „Deinet­we­gen kommen wir zu spät“ sind im hektischen Familienalltag schnell gesagt. Solche Worte können jedoch eine grosse Wirkung auf Kinder haben. Worauf Eltern achten sollten, erklärt die Psychologin Madlaina Bezzola im Interview.

In einem anonymen Interview erzählt eine Mutter von ihrem Alltag im KiEl

Naomi¹ und ihre Kinder haben im KiEl Bethanien Zürich Zuflucht gefunden, nachdem sie häusliche Gewalt erfahren hat. In einem anonymen Interview teilt sie ihre persönlichen Einblicke in den Alltag im KiEl und spricht über ihre Erfahrungen mit der sozialpädagogischen Begleitung. Für Naomi ist die Institution mehr als nur ein sicherer Ort – es ist ein Raum, in dem sie und ihre Kinder wachsen und sich neu orientieren können.

Dieses Interview in der Fachzeitschrift für Soziale Arbeit SozialAktuell, geführt von Corsina Caviezel, stellvertretende Leiterin des KiEl Bethanien Zürich, gewährt tief berührende Einblicke in die Herausforderungen und die Hoffnungen, die mit einem solchen Neuanfang verbunden sind.

Lesen Sie mehr über Naomis ¹ Geschichte und die wertvolle Arbeit des KiEl Bethanien.

¹Name geändert.